HATMADE HISTORY


Geschrieben von: Isabelle Hofmann 


Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen? 

 

In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit überschäumendem Naturell, Schalk im Nacken und umwerfend guter Laune. Als kreativen Kopf, der genial-verrückte Ideen entwickelt und dabei alle, die in seine Nähe geraten, wie in einem Sog mit sich zu reißen vermag. Der Mann heißt Peter de Vries und ist seit 1989 Hutmacher. Seit Sommer 2018 ist er auch Urnenmacher.

„Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“ Das hat zwar der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ gesagt, doch der Satz hätte auch von Peter de Vries stammen können. Schließlich ist es schon ziemlich verrückt, seinen einträglichen Beruf als Optiker an den Nagel zu hängen, um Hüte zu machen. Ohne jede Ausbildung, wohlgemerkt, als Autodidakt. Wenn man den gebürtigen Holländer fragt, wie er auf den Hut und nach Hamburg gekommen ist, erzählt er von einer Hut-Show bei der Eröffnung eines Casinos in seiner Heimatstadt Groningen 1988 und seiner Freundin damals, „die sehr gerne Hüte trug“. Das Handwerk hatte ihn gepackt, obwohl er selbst keine Hüte trug und bis heute nicht trägt. 1989 kündigte er seinen Job als Optiker, ging nach Hamburg, eröffnete in der Geschwister-Scholl-Straße 8 sein Atelier und wurde wenig später Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk in Hamburg.

 

In dem Atelier in Eppendorf arbeitet Peter de Vries heute noch, denn es brachte ihm Glück – auch persönlich. Eines Tages betrat eine Dame die Werkstatt, die eigentlich nur einen Hut suchte – und ihren späteren Ehemann fand. Mittlerweile sind die Kinder 20 und 16 Jahre alt und die Werkstatt sieht (fast) noch so aus, wie de Vries sie einst eingerichtet hat. Der erste Eindruck, sobald man sie betritt: Voll und etwas chaotisch. Oder: Voll und schön aufgeräumt. Das liegt ganz daran, welchen Tag man gerade erwischt. In der Mitte ein schmaler Tisch, auf dem ein paar Hüte trocknen. Links und rechts davon zwei Arbeitsplätze mit Nähmaschinen. Eine davon ist eine echte Antiquität und stammt aus den USA der 1880er Jahre. An ihr sitzt Peter de Vries, wenn er die Strohhüte und -Urnen näht. Rundherum raumhohe Wandregale mit Hutformen aus Holz, Hutrohlingen aus Filz, Strohhüten und einem riesigen Wäschekorb aus Stroh. Beeindruckend ist die Sammlung an Hutpressen aus Aluminium, die martialisch und archaisch anmuten, doch genauso noch heute in Italien hergestellt werden. Über ihnen hängen Bilder der niederländischen Königsfamilie: Königin Juliana und Prinz Bernhard, Königin Beatrix und Prinz Claus. Gegenüber König Willem-Alexander und Königin Maxima. „Meine Sippschaft“, kommentiert Peter de Vries augenzwinkernd, „Ich bin ja das schwarze Schaf der Familie“. Das stimmt zwar nicht, dafür stimmt aber, dass er zur Hochzeit von Maxima und Willem-Alexander für die entfernte norddeutsche Verwandtschaft die Hüte entwarf. Das war 2002 und zu jener Zeit war der Hutmacher bekannt wie ein bunter Hund für seine verrückten Kreationen. „Einer meiner Hüte war so groß, dass mein Modell umgefallen ist“, erzählt er lachend. „Den hatte ich für den Moet-Chandon-Wettbewerb 1999 auf der Horner Rennbahn gemacht“.

Mittlerweile setzt der Wahlhamburger verstärkt auf tragbare und vielseitige Hüte. Zu den Verkaufsschlagern zählt der praktische „Robin Hut“ aus feinem Velourfilz, „der den Reichen nimmt und den Armen gibt“ (de Vries). Der robuste „Rollin Hat“ für den Herren, der ein wenig dem Borsalino-Klassiker „Fedora“ ähnelt - und natürlich der preis-gekrönte und vielfach wandelbare „Sushehat“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ 2006 und dem Preis für Eco-Design der Mailänder Universität 2009.

 

Immer in Bewegung bleiben, sich immer wieder neu erfinden, das ist die Devise des Peter de Vries, der auch mit 57 Jahren nichts von seinem Lausbubencharme und seiner Neugierde verloren hat. Nicht zu vergessen die Experimentierlust, der so großartige Erfindungen wie die schalldämmende Wandfliese aus Filz zu verdanken ist. In den Maßen 50x50 Zentimeter ist sie nach Belieben bedruckbar und farbig zu gestalten, dazu über ein Klettverschlusssystem leicht und variabel in gewünschter Menge an den Wänden zu befestigen. Diese Filzfliese hat ihm 2010 nicht nur den Hessischen Staats-preis eingebracht, sondern auch ein komplett neues Berufsfeld als Akustikspezialist eröffnet. In den Fluren des Hamburger Johanneums, in der Montessori Schule Düsseldorf, in etlichen Büros, ja sogar auf einem Kreuzfahrtschiff sorgen Filzfliesen aus seiner Werkstatt jetzt für einen angenehmen Lärmpegel. In der Opernwelt hat der Hutmacher ebenfalls Aufsehen erregt. Für die Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels 2010 bestellte der Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen 143 gelbe Filzhüte. Eine schöne Geschichte, die Peter de Vries nun den Studierenden erzählen kann: Seit 2011 unterrichtet er als Lehrbeauftragter in der Textil-Klasse von Professor Renata Brink an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.